* 2 *
»Füttere die Magogs, lass die Finger von Spürnase und schnüffle nicht im Zimmer herum, verstanden?«, befahl Simon Heap seinem mürrisch dreinblickenden Gehilfen Merrin Meredith.
»Ja, ja«, grummelte Merrin, der lustlos in dem einzigen bequemen Sessel im Observatorium lümmelte. Sein zotteliges dunkles Haar hing ihm ins Gesicht und verbarg den dicken Pickel, der ihm über Nacht mitten auf der Stirn gesprossen war.
»Ob du verstanden hast?«, fragte Simon ungehalten.
»Ich hab doch Ja gesagt, oder etwa nicht?«, brummte Merrin und schwang seine langen, schlaksigen Beine, sodass sie mit aufreizender Regelmäßigkeit gegen den Sessel stießen.
»Und halte die Wohnung in Ordnung«, ermahnte ihn Lucy Gringe. »Ich möchte keinen Schweinestall vorfinden, wenn ich zurückkomme.«
Merrin sprang auf und machte eine gespielte Verbeugung. »Jawohl, gnädige Frau. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, gnädige Frau?«
Lucy Gringe kicherte.
Simon Heap runzelte die Stirn. »Komm, Lucy«, knurrte er gereizt. »Ich möchte vor Einbruch der Dunkelheit in Port sein.«
»Warte eine Sekunde, ich muss noch meine ...«
»Deine Tasche habe ich und deinen Mantel auch. Komm jetzt, Lucy.« Mit großen Schritten, die auf dem schwarzen Schiefer hohl klangen, durchmaß Simon das Observatorium und verschwand in dem Bogengang aus Granit, der zur Treppe führte. »Und Merrin«, hallte seine Stimme die Stufen herauf, »dass du mir keine Dummheiten machst.«
Merrin trat zornig gegen den Sessel, und eine Wolke von Staub und aufgescheuchten Motten stob in die Luft. Er war nicht dumm. Er war nicht dumm! In den ersten zehn Jahren seines Lebens hatte ihn DomDaniel, sein alter Meister, immer einen Dummkopf genannt, und er war es leid. All die Jahre war er irrtümlich für Septimus Heap gehalten worden, und so sehr er sich auch bemüht hatte, er war ein schlechter Ersatz für den echten Septimus gewesen. DomDaniel hatte nie seinen Irrtum erkannt und nie begriffen, warum sein unseliger Lehrling immer alles falsch machte.
Mit verdrossenem Gesicht warf sich Merrin wieder in den alten Sessel und sah zu, wie Lucy Gringe mit wehenden Zöpfen und Bändern umherwuselte und ihre sieben Sachen zusammensuchte.
Dann endlich war sie fertig. Sie ergriff den bunten Schal, den sie an langen Winterabenden in der Hafenkonditorei für Simon gestrickt hatte, und eilte ihm nach. Bevor auch sie in dem düsteren Granitbogengang verschwand, winkte sie Merrin noch kurz zu. Seine finstere Miene hellte sich auf, und er winkte zurück. Lucy brachte ihn immer zum Lächeln.
Das Observatorium war für Lucy der schaurigste Ort auf der Welt, und sie war so glücklich, von hier fortzukommen, dass sie schon nicht mehr an Merrin dachte, als sie den langen Abstieg antrat, der in die kalte, feuchte und mit Wurmschleim bedeckte Höhle hinabführte, in der Donner, Simons Rappe, stand.
Merrin lauschte ihren Schritten nach, bis sie in der Ferne verhallten und drückender Stille wichen. Dann sprang er auf, ergriff eine lange Stange und ließ geschwind die schwarzen Rollos an der hohen Glaskuppel des Raumes herunter – die Glaskuppel war der einzige Teil des Observatoriums, der aus dem spärlich mit Gras bewachsenen Gestein an der Spitze der hohen Schieferbrüche herausragte und oberirdisch zu sehen war. Merrin ließ ein Rollo nach dem anderen herunter, und langsam verdunkelte sich der riesige Raum, bis schummriges Zwielicht herrschte.
Merrin ging hinüber zu der Camera obscura – einer großen, nach innen gewölbten Scheibe in der Mitte des runden Raumes – und blickte gespannt darauf. War die Scheibe zuvor, als das Licht der Morgensonne durch die Glaskuppel geströmt war, noch flächig weiß gewesen, so war nun das bunte, gestochen scharfe Bild einer Landschaft darauf zu sehen. Verzückt beobachtete Merrin Schafe, die lautlos in einer Reihe über eine Felsspitze am Rand der Schlucht trotteten, und rosa Wolken, die hinter ihnen am Himmel schwebten.
Er fasste nach oben, ergriff den langen Balken, der vom Mittelpunkt der Glaskuppel herabhing, und drehte ihn. Ein unwilliges Quietschen ertönte von der kleinen, in die Spitze der Kuppel eingesetzten Linse, die das Bild auf die Scheibe darunterwarf. Während Merrin die Linse einmal im Kreis drehte, veränderte sich das Bild vor ihm und zeigte ein stummes Panorama der Außenwelt. Nur zum Spaß drehte er sie noch einmal um 360 Grad, dann suchte er die Stelle, die er sehen wollte. Er ließ den Balken los, und das Quietschen verstummte. Sich die schwarzen Zotteln aus den Augen streichend, beugte er sich vor und betrachtete aufmerksam die Szene vor ihm.
Die Scheibe zeigte einen langen, schmalen Pfad, der sich zwischen Felsen zu Tal schlängelte. Zu seiner Rechten war eine tiefe Schlucht zu sehen, zu seiner Linken erhoben sich steile Schieferwände mit vereinzelten Geröllhalden oder herabgestürzten Felsbrocken dazwischen. Merrin wartete geduldig, bis Donner endlich ins Bild kam. Der Rappe setzte bedächtig einen Huf vor den anderen, vorsichtig gelenkt von Simon, der gegen die morgendliche Kühle den schwarzen Umhang übergeworfen hatte. Außerdem trug er den Schal von Lucy, die sich das andere Ende selbst um den Hals gewickelt hatte. Sie saß, eingemummt in ihren kostbaren blauen Mantel, hinter Simon und hatte die Arme fest um seine Taille geschlungen. Grinsend sah Merrin zu, wie das Pferd lautlos über die Scheibe stapfte. Da zogen sie hin, genau wie von ihm geplant, und er beglückwünschte sich dazu, wie er die ganze Sache eingefädelt hatte. Vor ein paar Wochen war Lucy Gringe hier aufgetaucht – dabei hatte sie eine Nervensäge von Ratte, die er mit einem gezielten Tritt davongejagt hatte –, und noch am selben Tag hatte er begonnen, einen Plan zu schmieden. Seine Gelegenheit kam schneller, als er erhofft hatte. Lucy wünschte sich einen Ring, und nicht irgendeinen alten Ring, sondern einen Diamantring.
Er hatte sich gewundert, wie schnell und wie oft Simon Lucys Meinung übernahm. Sogar was Diamantringe anging. Er hatte die Gelegenheit beim Schöpf gepackt und sich erboten, auf das Observatorium aufzupassen, falls Simon mit Lucy nach Port reisen wollte, um einen Ring zu kaufen. Simon war darauf eingegangen, denn er trug sich mit der Absicht, beim Räumungsverkauf in Drago Mills Lagerhaus vorbeizuschauen, von dem die Ratte des Langen und Breiten erzählt hatte. Nach dem Ableben des Lagerhausbesitzers hatte der Ausverkauf vor einer Woche begonnen, und allem Anschein nach konnte man dort erstaunlich günstige Käufe tätigen. Lucy Gringe hatte freilich andere Vorstellungen. Ihr schwebte ein Ring vor, der keine Wünsche offenließ, und den gab es ganz bestimmt nicht beim Räumungsverkauf in Drago Mills Lagerhaus.
Nun endlich wurde Merrins Geduld belohnt. Gespannt sah er zu, wie Donner die beiden Reiter aus dem Bild auf der Scheibe trug, und als gleich darauf auch der Schwanz des Rappen verschwand, stieß er einen lauten Jauchzer aus. Sein Leben lang hatte er sich von anderen vorschreiben lassen müssen, was er zu tun hatte. Endlich, endlich war er frei!